SPD Seeheim-Jugenheim

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„Ich war von Haus aus Reformer und weniger Revolutionär.“

Veröffentlicht am 21.04.2013 in Ortsvereine

Prof. Dr. Mühlhausen

SPD Seeheim-Jugenheim beging 150. Geburtstag mit einem Festvortrag über Christian Stock, 1. demokratisch gewählter Ministerpräsident des Landes Hessen

Mit einem Festvortrag über den 1. gewählten hessischen Ministerpräsidenten, den Seeheimer Christian Stock beging die SPD Seeheim-Jugenheim am 20.04.2013 im Haus Hufnagel in Seeheim den 150. Geburtstag der Partei. Stock, so Festredner Professor Dr. Walter Mühlhausen, war kein Mann großer Versprechungen; er bezeichnete sich selbst als Realpolitiker. „Politik“, so Christian Stock, geboren 1884 als Christian Rees, nicht ehelicher Sohn einer noch verheirateten Frau und eines Zigarrenmachers, „ist die Kunst des Möglichen“. Lucius D. Clay, der nach dem 2. Weltkrieg im besetzten Deutschland eingesetzte US-Befehlshaber bezeichnete ihn wiederum als Self-made-man, einen Mann von ganz unten, im Volk populär, weil er wusste, wie das Volk denkt, der danach handelte und in der entbehrungsreichen Zeit nach dem 2. Weltkrieg bestrebt war, die Bevölkerung mit den Notwendigsten zu versorgen. Die Zeit seiner Amtszeit als Ministerpräsident war geprägt vom Krisenmanagement, sein Ringen um einen breiten überparteilichen Konsens bildete in dieser Zeit die Grundlage für den Erfolg seiner Arbeit. Als erster demokratisch gewählter Ministerpräsident (für diese Kandidatur musste er damals schier überredet werden) und in einer großen Koalition mit der CDU, gestaltete der seit 1902 in der SPD verwurzelte Christian Stock 1946 ganz wesentlich die hessische Landesverfassung mit und legte damit den Grundstein für ein stabiles und soziales Hessen.

Christian Stock, so Prof. Dr. Mühlhausen, sei in der Arbeiterbewegung beheimatet gewesen. Als Sohn einer beständig wachsenden Familie - die Mutter starb, als er 7 war, was zur Unterbringung des Jungen bei Familienangehörigen in Hanau führte; der Vater heiratete schließlich wieder – musste früh zum Familienunterhalt beitragen, was ihm eine herkömmliche Schulausbildung verstellte. Sein Wissen eignete sich Christian Stock als Jugendlicher und junger Erwachsener , engagiert in der Arbeiterbewegung in Fortbildungen mehr oder weniger autodidaktisch an. Seit 1898 absolvierte er einen Ausbildungsgang zum Zigarrenmacher. Schon der Vater engagierte sich sehr in der Arbeiterbewegung in Pfungstadt, die sozialen Missstände dieser Zeit erlebte die Familie am eigenen Leib. Die soziale Bewegung wurde Christian Stocks politische Heimat, er machte sich als so genannter Agitator bereits früh einen Namen. 1913 wurde er Arbeitersekretär, beriet die Arbeiter in sozialen Angelegenheiten, später bezeichnete er sich selbst in der Rückschau als „Volksjuristen“. Stock arbeitete sich hoch. In der Zeit des Kaiserreichs setze Christian Stock auf die praktische Reformarbeit statt auf die Verabschiedung einer großen Resolution. Er wurde schließlich Direktor der Landesversicherungsanstalt in Frankfurt bis er im April 1933 verhaftet und 8 Monate in „Schutzhaft“ im KZ Kislau bei Bruchsal genommen wurde. 1934 zurück in Darmstadt, eröffnete er einen Tabakladen, der zum Treffpunkt der Sozialdemokratie im Darmstadt des 3. Reiches wurde. Christian Stock wurde zum Mann der 1. Stunde nach der Kapitulation des 3. Reichs. Stock, so Prof. Dr. Mühlhausen, entwickelte einen Sinn für das politisch Machbare, wollte nicht warten auf eine utopische Heilsgesellschaft. An seinem Lebensende - er starb 1967 in Seeheim - bemerkte Christian Stock: „ich war von Haus aus Reformer und weniger Revolutionär.“

SPD-Vorsitzender Peter Kannegießer erinnerte in seiner Rückschau auf 150 Sozialdemokratie in Deutschland besonders an Otto Wels, der am 23.03.1933 die für lange Zeit letzte freie Rede im damaligen Reichstag gehalten hatte. Es war der Tag des Ermächtigungsgesetzes und Wels erklärte: “… wir stehen zu den Grundsätzen des Rechtsstaates, der Gleichberechtigung, des sozialen Rechts, die in ihr festgelegt sind. Wir deutschen Sozialdemokraten bekennen uns in dieser geschichtlichen Stunde feierlich zu den Grundsätzen der Menschlichkeit und der Gerechtigkeit, der Freiheit und des Sozialismus.“ Kannegießer erinnerte darüber hinaus an Willi Brandt, der mit dem Schlagwort „mehr Demokratie wagen“ verkrustete Strukturen in der Innen- und Außenpolitik aufzubrechen.

Zur Geschichte der Seeheimer und der Jugenheimer SPD-Ortsvereine wurden in einer Ausstellung Bilder und Plakate aus den den letzten 115 Jahren der Ortsverbände gezeigt. Kannegießer erinnerte Dr. Daniel Greiner, der als Theologe, Sozialist und Künstler in Jugenheim und darüber hinaus im Landtag gewirkt hatte. Er erinnerte ganz besonders an den Seeheimer Arzt Dr. Arthur Mayer, der 1943 mit seiner Frau in das KZ Auschwitz deportiert worden war und dort schließlich den Misshandlungen erlegen war. Mayer und seiner Frau waren in der vergangenen Woche zu deren Gedenken Stolpersteine gesetzt worden. Mayer war in den 20er Jahren SPD-Fraktionsvorsitzender im Seeheimer Gemeinderat. Und für die Zeit nach dem 2. Weltkrieg benannte Peter Kannegießer schließlich Wilhelm und Gretel Lorenz sowie August Biller und Wilhelm Geibel, die alle maßgeblich am Wiederaufbau des SPD-Ortsvereins mitgewirkt hatten.

Die SPD, so Peter Kannegießer, setze auf das Wir, auf „unser Gemeinwesen“, dieser Staat sei unser Staat, den wir alle sorgsam behandeln sollten.

Gül Karatas -- für Sie im Kreistag Heike Hofmann -- Ihre Landtagsabgeordnete Banner Bullmann

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